Warschaus Wohnungsstreit entfacht Debatte über Reprivatisierung neu

Lernnachrichten | 19.02.2026

Die heutige Ausgabe von Lernnachrichten Polnisch blickt auf verunsicherte Bewohner an der Górczewska-Straße in Warschau und auf die kostspieligen Forderungen eines privaten Unternehmens um Grundeigentum, die viele Familien in Ungewissheit über die Zukunft ihrer Wohnungen stürzen.

Warschaus Wohnungsstreit entfacht Debatte über Reprivatisierung neu

Die Meldung auf Polnisch

W zachodniej1 Warszawie mieszkańcy bloków przy ulicy Górczewskiej boją się o przyszłość2 swoich mieszkań. Firma prywatna chce dużo pieniędzy za ziemię3 pod blokami. Sprawa jest skomplikowana4 i dotyczy5 zwrotu majątku6 po wojnie. Ludzie są zestresowani i niepewni, czy będą mogli dalej tam mieszkać.

  1. zachodni
    położony na zachodzie, znajdujący się w kierunku zachodnim ↩︎
  2. przyszłość  (f.)
    czas, który dopiero nadejdzie, to co stanie się później ↩︎
  3. ziemia  (f.)
    grunt, teren, na którym stoją budynki lub rosną rośliny ↩︎
  4. skomplikowany
    taki, który jest trudny do zrozumienia, ma wiele części lub problemów ↩︎
  5. dotyczyć
    mieć związek z czymś, odnosić się do czegoś ↩︎
  6. majątek  (m.)
    wszystko, co ktoś posiada i ma dużą wartość, np. domy, ziemia, pieniądze ↩︎

Übersetzung

Im Westen Warschaus machen sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnblocks in der Górczewska-Straße Sorgen um die Zukunft ihrer Wohnungen. Eine private Firma verlangt sehr viel Geld für das Grundstück unter den Häusern. Der Fall ist kompliziert und hat mit der Rückgabe von Eigentum nach dem Krieg zu tun. Die Menschen sind gestresst und unsicher, ob sie dort weiter wohnen können.

Textverständnis

Question 1: Warum machen sich die Bewohner der Blöcke an der Górczewska-Straße Sorgen?

Sie haben Angst, dass sie ihre Wohnungen in Zukunft vielleicht nicht mehr behalten und dort nicht weiter wohnen können.

Question 2: Was fordert das private Unternehmen, das den Bewohnern Probleme bereitet?

Das private Unternehmen verlangt sehr viel Geld für das Grundstück unter den Wohnblöcken, und genau diese hohe Forderung bringt die Bewohner in Schwierigkeiten.

Lernwörter

PolnischDeutsch
zachodni westlich
przyszłość  (f.)Zukunft
ziemia  (f.)Grundstück
skomplikowany kompliziert
dotyczyć betreffen
majątek  (m.)Vermögen

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Die Meldung in voller Länge

Hunderte Bewohner im Westen von Warschau blicken in eine ungewisse Zukunft, weil ein Privatunternehmen mehr als 31 Millionen Złoty Entschädigung für das Grundstück fordert, auf dem eine Wohnsiedlung aus den 1970er‑Jahren steht. Der Konflikt rückt Polens seit Jahrzehnten schwelende und hochumstrittene Frage der Reprivatisierung wieder in den Mittelpunkt – also die Rückgabe von Immobilien, die der Staat nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen hat.

Im Zentrum steht eine Gruppe von fünf zehngeschossigen Wohnblöcken in der Großsiedlung Ulrychów im Bezirk Wola, am Kreuzungspunkt der Straßen Górczewska und Księcia Janusza. Die Gebäude gehören der Wohnungsbaugenossenschaft Spółdzielnia Mieszkaniowa „Koło“ und umfassen rund 384 Wohnungen mit etwa 1.500 Bewohnern – viele davon ältere Menschen oder Personen kurz vor der Rente.

Gestritten wird nicht um das Eigentum an den Wohnungen selbst – viele Bewohner zahlten zu kommunistischen Zeiten Genossenschaftsbeiträge und kauften ihre Wohnungen in den 1990er‑Jahren, andere erhielten sie als Entschädigung für im Krieg verlorenes Eigentum. Der Konflikt dreht sich vielmehr um das Eigentum am Boden unter den Blöcken, einer Grundschule, einem Kindergarten und öffentlichen Straßen.

Das Gebiet gehörte historisch zu den weitläufigen Ulrich‑Gärten, betrieben von der 1805 gegründeten Gartenbau‑Firma C. Ulrich. Nach dem Krieg und im Zuge der Nachkriegs‑Bodenreform ging das Areal zunächst auf die Stadt Warschau, dann auf die Staatskasse über. 1958 wurde der verbliebene Ulrich‑Betrieb verstaatlicht. Viele Juristen vertreten die Auffassung, dies habe die rechtliche Existenz des Unternehmens und damit seine Ansprüche auf das Grundstück faktisch beendet.

Jahrzehnte später, im Jahr 1994, wurde versucht, die Vorkriegsfirma C. Ulrich „wiederzubeleben“. Nach Recherchen polnischer Medien stützte sich dies auf alte Unternehmensaktien, die manche Fachleute zuvor eher als historische oder Sammlerstücke denn als gültige Wertpapiere angesehen hatten. Die reaktivierte Gesellschaft mit Sitz in Gdynia begann daraufhin, Ansprüche auf rund 160 Hektar Land in Wola geltend zu machen – darunter auch auf die Flächen unter der Siedlung an der Górczewska.

Ein Wendepunkt kam 2012, als der damalige Landwirtschaftsminister einen Teil eines Verstaatlichungsbescheids von 1958 für bestimmte Parzellen für nichtig erklärte. Damit verlor die Staatskasse formal das Eigentum an den Grundstücken unter den heutigen Wohnblöcken – und C. Ulrich erhielt eine Grundlage für Reprivatisierungsforderungen. 2015 verkaufte die reaktivierte Firma diese Flächen an ein neues Unternehmen, Lokaty Budowlane, das 2025 beantragte, als Eigentümer in das Grund‑ und Hypothekenregister eingetragen zu werden.

Parallel dazu fällten Gerichte widersprüchliche Entscheidungen. Zwischen 2016 und 2021 stellten mehrere Gerichte – darunter das Berufungsgericht in Danzig – die Rechtmäßigkeit der Reaktivierung von 1994 in Frage und hielten in einem Urteil fest, die Beschlüsse zur Bestellung der Firmenorgane „existierten im Rechtssinne nicht“. Dennoch ist C. Ulrich weiterhin im offiziellen Landesgerichtsregister eingetragen, und die Verwaltungsentscheidung von 2012 über das Grundstück wurde bislang nicht aufgehoben.

Noch komplizierter wurde die Lage, als das Bezirksgericht Warschau 2024 den Antrag ablehnte, die Staatskasse solle das umstrittene Land durch Ersitzung (einen Eigentumserwerb durch langjährige Nutzung) erwerben. Diese Entscheidung öffnete den Weg für den aktuellen Inhaber der Grundstücksrechte, Lokaty Budowlane, Schadensersatz wegen „ungenehmigter Nutzung“ zu verlangen.

Nach Medienberichten hat das Unternehmen Klage gegen die Staatskasse über zunächst rund 21 Millionen Złoty eingereicht, ein Betrag, der mit Zinsen inzwischen auf etwa 31 Millionen Złoty angewachsen sein soll. Bewohner und Genossenschaftsleitung fürchten, dass im Falle einer Niederlage des Staates oder einer möglichen Weitergabe der Last am Ende die Wohnungsbaugenossenschaft – und damit die einzelnen Eigentümer – zahlen müssten. Im Schnitt käme dies auf etwa 80.000 Złoty pro Wohnung hinaus – Summen, die viele nach eigenen Worten nicht aufbringen können.

Der Streit hat unter den Bewohnern erhebliche Ängste ausgelöst. Bei einem Protest vor dem Justizministerium in Warschau Mitte Februar, an dem viele Rentner teilnahmen, hielten Demonstrierende Plakate hoch und übergaben dem Minister eine Petition, in der sie staatliches Eingreifen und eine Kontrolle der laufenden Gerichtsverfahren verlangten. Mehrere Anwohner berichteten polnischen Medien, sie fürchteten Zwangsräumungen, den Austausch von Schlössern oder gar eine künftige Abbruchverfügung für die Wohnblöcke – auch wenn der Grundstückseigentümer derartige Schritte bislang nicht angekündigt hat.

Warschaus Wohnungsstreit entfacht Debatte über Reprivatisierung neu
Warschaus Wohnungsstreit entfacht Debatte über Reprivatisierung neu

Manche Bewohner erinnern sich daran, dass ihnen schon vor Jahrzehnten gesagt worden sei, der Rechtsstatus des Grundstücks sei nicht abschließend geklärt, hätten aber nicht erwartet, dass daraus derart hohe finanzielle Forderungen entstehen würden. Heute sprechen sie davon, in permanentem Stress und in ständiger Unsicherheit zu leben, und fragen sich, ob sie das in ihre Wohnungen und Renovierungen investierte Geld jemals wiedersehen, falls sie in Ersatz‑Sozialwohnungen umziehen müssen.

Lokale Initiativen und einige Politiker werten den Fall als Beispiel für die Risiken einer Reprivatisierung auf Basis vorkrieglicher Unternehmensrechte. Der Warschauer Stadtaktivist Jan Śpiewak nannte die Situation „beispiellos“ und argumentiert, es dürfe nicht möglich sein, sich auf Grundlage alter Unterlagen, die manche Experten nur noch als historisch einstufen, die Kontrolle über ein derart großes Areal in der Hauptstadt zu sichern. Er und andere fordern die Staatsanwaltschaft und Politiker verschiedener Parteien auf, gemeinsam den Rechtsstatus des Unternehmens und des Landes zu klären.

Vertreter unterschiedlicher politischer Lager nutzen den Streit, um grundsätzliche Probleme anzusprechen. Eine Bezirksrätin der linken Partei Razem verwies auf das Fehlen eines umfassenden, landesweiten Reprivatisierungsgesetzes – mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Ein Abgeordneter der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) knüpfte den aktuellen Fall an die aus seiner Sicht früheren „Auswüchse einer wilden Reprivatisierung“ in Warschau und behauptete, erneut müssten Bewohner um ihre Wohnungen bangen, während andere aus komplizierten Eigentumsgeschichten Profit schlagen wollten. Es handelt sich dabei um politische Bewertungen, nicht um Feststellungen von Gerichten.

Die Bezirksverwaltung Wola unter Bürgermeister Krzysztof Strzałkowski stellt sich formell gegen die Folgen früherer Entscheidungen. Der Bezirk bezweifelt sowohl die Rechtmäßigkeit der Reaktivierung von C. Ulrich als auch die Richtigkeit des landwirtschaftsministeriellen Beschlusses von 2012, der die Eigentumsfrage wieder aufrollte. Wola hat das Woiwodschaftsverwaltungsgericht in Warschau angerufen, um den Beschluss für nichtig erklären zu lassen, und zudem eine Revision beim Obersten Verwaltungsgericht eingelegt. Nach Angaben des Bezirks ist über diese Revision bislang nicht entschieden worden – ein weiterer Faktor, der die rechtliche Hängepartie verlängert.

Bezirksvertreter erklären, sie arbeiteten im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten eng mit der Genossenschaft „Koło“ zusammen, stellten Informationen bereit und prüften die Chancen auf außerordentliche Rechtsmittel gegen rechtskräftige Urteile. Solche Rechtsmittel können nur bestimmte Institutionen einlegen, darunter der Generalstaatsanwalt, der Ombudsmann und der Kinderschutzbeauftragte. Anwälte der Bewohner berichten, sie hätten bereits einstweilige gerichtliche Verfügungen erwirkt, die einige Beschlüsse zur Bestellung der Organe der reaktivierten Firma C. Ulrich aussetzen. Eine knappe Begründung eines der Gerichte deuten sie so, dass das Gericht derzeit keine Grundlage für die Ansprüche des Unternehmens sehe – die eigentlichen Kernfragen sind damit jedoch noch nicht entschieden.

Das von Minister Waldemar Żurek geführte Justizministerium hat angesichts der öffentlichen Empörung mehrere Schritte angekündigt. Der Minister kündigte an, zunächst alle bisherigen Beschlüsse und Urteile zu prüfen, und beauftragte die Nationale Staatsanwaltschaft mit einer detaillierten Analyse des Falls. Außerdem wandte er sich an den Präsidenten des Obersten Verwaltungsgerichts, um zu erfahren, wann die noch anhängigen Verwaltungsverfahren abgeschlossen werden könnten, und versprach, ein einschlägiges Urteil des Obersten Gerichts vom Februar 2024 zu überprüfen.

Ein weiterer Stolperstein, auf den der Minister hinweist: Mindestens eine Entscheidung des Obersten Gerichts in dem Streit wurde von einem Spruchkörper getroffen, dem sogenannte „Neo‑Richter“ angehörten – Richter also, deren Ernennung im Zuge des polnischen Justizkonflikts umstritten ist. Eine andere Kammer des Obersten Gerichts hat entschieden, dass Beschlüsse unter Beteiligung solcher Richter rechtlich wirkungslos seien. Das könnte Einfluss darauf haben, wie frühere Entscheidungen in dem Grundstücksverfahren zu bewerten sind. Das Ministerium hat bislang keine abschließenden Schlüsse gezogen und betont, dass die Rechtslage äußerst kompliziert sei.

Polnische Staatsanwälte haben in der Vergangenheit einzelne Reaktivierungen von Vorkriegsfirmen untersucht und sie mitunter als Versuche gewertet, sich widerrechtlich Grundstücke zu verschaffen. In diesem Fall wurde nach Angaben des Ministers zwar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, es soll jedoch in einer Einstellung geendet haben; die Gründe dafür und der aktuelle rechtliche Status dieser Entscheidung werden nun erneut geprüft.

Die Firma Lokaty Budowlane, die die Flächen 2015 erwarb und jetzt finanzielle Forderungen verfolgt, hat sich öffentlich bislang nicht ausführlich zu den Vorwürfen der Bewohner und Aktivisten geäußert. Medien, die über den Fall berichteten, geben an, ihre Versuche, eine Stellungnahme des Unternehmens zu erhalten, seien erfolglos geblieben. Gerichtsentscheidungen haben die Position der Firma bislang soweit bestätigt, dass sie die Eintragung ins Grundbuch beantragen konnte; weitere gerichtliche und verwaltungsrechtliche Verfahren könnten die endgültige Eigentumsstruktur jedoch noch verändern.

Vorerst stecken die Bewohner der Blöcke an der Górczewska weiterhin fest – zwischen historischen Eigentumsansprüchen, widersprüchlichen Gerichtsurteilen und offenen Verwaltungsverfahren. Ihr Fall macht deutlich, vor welchen grundsätzlichen Problemen Polen noch immer steht, wenn es um den Umgang mit nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlichtem Eigentum geht – und welche sozialen Folgen es haben kann, wenn alte Rechtstitel mit den Rechten und Erwartungen von Menschen kollidieren, die seit Jahrzehnten auf umstrittenem Boden leben.

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